Archiv für die Kategorie ‘Störtebekers Zeiten’

Die Legende von Klaus Störtebeker

Donnerstag, 15. April 2010

Die Sage von Klaus Störtebeker ist in verschiedenen Regionen verbreitet, was sicher auf den großen Aktionsradius der Vitalienbrüder im Bereich der Ost- und Nordsee zurückzuführen ist. So trifft man die Sage in Pommern, Mecklenburg, Hannover, Hamburg, Holstein und Ostfriesland an, was eine ganze Reihe unterschiedlicher Herkunftsorte und Familienzugehörigkeiten für Störtebeker und Michels zur Folge hat. Hamburg, Halsmühlen bei Verden, Wismar, Rügen, Michaelsdorf bei Barth werden etwa als Herkunftsorte der Seeräuber genannt. Die soziale Herkunft der beiden wird auch nicht einheitlich angegeben, sondern bewegt sich in der Spannbreite zwischen Knechten und mecklenburgischen oder ostfriesischen Adligen. Sicher hat der eigentümliche Name „Störtebeker“ zur Verbreitung des Seeräuberstoffes beigetragen, so wie er wohl auch dafür gesorgt hat, dass Goedeke Michels dahinter zurücktreten musste. Der Name bezeichnet ursprünglich wohl ein Gefäß, einen „Becher mit einer Stürze oder Deckel“. Im übertragenen Sinne von „Stürz den Becher“ schien dieser Name die Trinkfestigkeit des Seeräubers zu beweisen. Und so will es die Sage, dass Störtebeker erst dann Aufnahme in der Mannschaft des Goedeke Michels fand, nachdem er gleich zweimal einen großen Becher in einem Zuge geleert hatte, so wie er auch ein Handeisen zerbrach und ein dreimal um einen Mast geschlungenes Hanftau zerriss. Fast unübersichtlich ist die Sagengruppe, die sich mit den Schlupfwinkeln der beiden befasst. Im mecklenburgischen Bereich gibt es besonders viele Höhlen und unterirdische Gänge; Burgen und Schlösser, die tatsächlich existieren oder nicht mehr existieren oder nie existiert haben, Kirchen, Klöster und Türme, in denen sich die Seeräuber zurückzogen, um vor Verfolgung sicher zu sein, soll es in Ostfriesland, Holstein und Mecklenburg gegeben haben. Zwei der bekanntesten Verstecke sind die Störtebekerhöhle bei Stubbenkammer auf Rügen und der Turm von Marienhafe in Ostfriesland. Neben der Höhle von Stubbenkammer werden noch eine Reihe weiterer Schlupfwinkel auf Rügen genannt. Zu richtigen Seeräubern gehört natürlich auch ein Seeräuberschatz. Fast überall dort, wo Störtebeker sich verborgen haben soll, vermutet man einen Schatz, den natürlich noch niemand gefunden hat und wahrscheinlich auch nie jemand finden wird. Über den Inhalt des Schatzes gibt es höchst unterschiedliche Vorstellungen. Eine goldene Kette, eine goldene Wiege, ein goldener Backtrog, ein goldener Becher, eine silberne Tafel und kostbare Gewänder sollen dazu gehört haben. Einen großen Teil seines Reichtums hat Störtebeker angeblich in den Masten seiner Schiffe verborgen – darunter geschmolzenes Gold, Goldbarren, Kupfer oder auch Münzen, was nach seinem Tod entweder einem armen Tagelöhner oder Schuster, der die Masten ersteigert hatte, zufiel oder einem Zimmermann, der zufällig mit der Axt gegen einen der Masten schlug und dabei den verborgenen Schatz entdeckte. Auch über die Verwertung dieser Reichtümer kursieren sagenhafte Mutmaßungen. Einer Version zufolge kamen sie der Hamburger Stadtkasse zugute, da danach die Hamburger Kirchen mit dem bei Störtebeker gefundenen Kupfer gedeckt worden sind. Da Störtebeker und Michels in der Volkssage ja ausgesprochen beliebt waren und als zwar hart, aber gerecht und sozial eingestellt geschildert werden, haben die beiden der Überlieferung nach auch Stiftungen vergeben. So soll Störtebeker in Verden dafür gesorgt haben, dass den Armen und den am Dom Beschäftigten einmal im Jahr Brot und Heringe gespendet wurden. Diese Sitte hat sich bis in unsere Tage erhalten. Einen großen Raum innerhalb der Störtebeker-Sagen nehmen natürlich die Gefangennahme sowie die Hinrichtung Störtebekers und Michels ein.

In der Sage verschmelzen die beiden Züge gegen Störtebeker und Michels zu einem. Danach werden die beiden Vitalienhauptleute von den Hamburgern in einer dreitägigen Schlacht besiegt. Der Mythos Klaus Störtebeker hat dazu geführt, dass seine Popularisatoren sich schwer taten, die Überlegenheit der Hamburger zu erklären. Es musste eine List herhalten, um Störtebeker und Michels in die Knie zu zwingen. Das Steuerruder Störtebekers wurde mit geschmolzenem Blei fest gegossen, wobei möglicherweise auch Verrat auf Seiten der Vitalienbrüder im Spiel war. Die Versuche Störtebekers, das Blei mit flüssigem Öl zum Schmelzen zu bringen und damit das Ruder wieder gängig zu machen, scheiterten. Mit dem manövrierunfähigen Schiff war es dem Vitalienbrüderhauptmann nicht mehr möglich, sich gegen die Hamburger erfolgreich zur Wehr zu setzen. So wurden er, Goedeke Michels und die Kameraden gefangen  genommen und in die Hansestadt gebracht. Dort steckte man Störtebeker in ein Kellergewölbe des Hamburger Rathauses, das daraufhin „Störtebekers Loch“ genannt wurde.  Die Hinrichtung Störtebekers umranken Legenden: Störtebeker rettet einige seiner Gefährten. Seine letzte Bitte ist, diejenigen zu verschonen, an denen er ohne Kopf vorbeilaufen würde. Die Bitte wird ihm gewährt, und er rettet 11 bzw. 5 seiner Freunde. Dann wirft ihm der Henker einen Klotz vor die Füße oder ein altes Weib stellt ihm ein Bein, so dass er strauchelt. Oder er läuft einfach ohne Kopf davon.

Verlag Campus Dr. Matthias Puhle „Die Vitalienbrüder“

Zeiten und Herrscher zu Zeiten Störtebekers

Donnerstag, 15. April 2010

1361
Dänenkönig Waldemar Atterdag IV. besetzt wiederrechtlich Gotland

1370
„Stralsunder Frieden“, räumt der Hanse ein Mitspracherecht der der Königswahl ein

1375
Waldemar stirbt und hinterlässt zwei Töchter mit zwei erbbrechtigten Enkeln:

Ingeborg, die ältere, Frau des Mecklenburger Herzogs Heinrich III. und Sohn Albrecht IV
Margarete, die jüngere, verheiratet mit dem norwegischen König und Sohn Olaf IV

1376
Die Hanse entscheidet sich für Olaf IV:

1376/77
Albrecht II. von Mecklenburg, Großvater von Albrecht IV., ruft den Krieg gegen Dänemark aus, holt Seeräuber zu Hilfe, öffnet Häfen

1379
Albrecht II. von Mecklenburg stirbt

1380
Margarete übernimmt nach dem Tod von Mann und Sohn die Herrschaft über Norwegen und Dänemark

Erste Erwähnung eines Nicolao Störtebeker

In dieses Zeit immer wieder Ausrüstung der Friedensschiffe durch die Hanse

1388
Albrecht III. Herzog von Mecklenburg, Bruder von Heinrich, und König von Schweden, Krieg gegen Dänemark

1389
Albrecht der III. und Sohn Erich in dänischer Gefangenschaft Herzog Johann I. von Stargard übernimmt die Herrschaft über Schweden

Rostock und Wismar öffnen ihre Häfen für die Seeräuber

Winter 1393/1394
Großoffensive der Dänin gegen das mecklenburgisch-schwedische Stockhom, das die Vitalienbrüder retten

Ende 1394
Störtebeker und Goedeke werden erstmals als Hauptleute namentlich genannt

Bis 1395
Handel auf der Ostsee durch Seeräuberei fast lahmgelegt

Die Vitalienbrüder bauen Gotland zu Operationsbasis aus

26.9.1395
Friedensvertrag zwischen Dänemark und Mecklenburg: Freilassung von König Albrecht und Sohn Erich

1397
Erich besetzt Goltand und Stirbt bald darauf – Gotland unter Sven Sture wieder Piratennest

Frühling 1398
Der Deutsche Orden vertreibt Piraten von Gotland

1398
Die einzelnen verbände der Vitalienbrüder verteilen sich auf Ostfriesland und unterstützen die Häuptlinge

1399
Strafexpedition deutscher Hansestädte gegen die Piraten in Ostfriesland
Goedeke flieht nach Norwegen, Störtebeker nach Holland

Herbst 1400
Störtebeker wird gefaßt und mit seinen Leuten hingerichtet

1401
Goedeke Michels und Wigbold werden gefangen und hingerichtet

1433 bis `35
Piraterie im Ost- und Nordseeraum mit großer Strafexpedition beendet

Literaturhinweis
Puhle, Matthias: Die Vitalienbrüder: Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit. Campus Verlag. Frankfurt/Main, New York 1994

Seeräuberei und Raubrittertum

Donnerstag, 15. April 2010

Die Schwierigkeit, das Problem der Seeräuberei in der Ostsee angemessen zu bewerten, erinnert an das sehr ähnliche Problem, das die Geschichtsschreibung immer schon mit dem Begriff „Raubrittertum“ hatte und hat. Allerdings gibt es zwischen diesen beiden Begriffen einen großen Unterschied. Während der Terminus „Seeräuber“ auch in den zeitgenössischen Quellen bereits benutzt wurde, kommt der Begriff „Raubritter“ in den Schriftquellen des Mittelalters nicht vor. Dennoch scheint es in der Sache um ähnliche Phänomene zu gehen. Die Verbindung des Seeräubertums in der Ostsee mit dem mecklenburgischen Adel ist viel zu offensichtlich, als dass man diese übersehen könnte. Als latrones oder raubheußer hat man die ritterlichen Straßenräuber in den zeitgenössischen Quellen immerhin auch bezeichnet, womit deutlich zum Ausdruck kommt, dass auch die Zeitgenossen das Treiben dieser Ritter als unrechtmäßige Räuberei betrachteten. Was veranlasste Teile des Adels im späten Mittelalter, dem gewerbsmäßigen Raub nachzugehen? Für die Seeräuber der Ostsee fehlen zuverlässige Aussagen fast ganz. Die wenigen Angaben stammen meist von späteren Chronisten, sind daher in einem gewissen zeitlichen Abstand geschrieben und eher als moralische Wertungen zu verstehen denn als analytische Beobachtungen. Selbstaussagen der beteiligten Adelsgeschlechter fehlen ganz. Aber für die Raubritter des Mittelalters gibt es eine ganze Reihe von zeitgenössischen Einschätzungen, die über Motive und Lage der infragekommenden Adelsgeschlechter Auskunft geben. In einer vom Kartäusermönch Werner Rolevinck aus Westfalen stammenden Schrift, die um 1478 erschien, wird deutlich, dass Teile des niederen Adels in einer fast verzweifelten materiellen Lage waren. Der Zustand einer infausta paupertas, einer unglücklichen Armut, sei für dies Adligen charakteristisch. Diese „unglückselige Armut“ treibt also viele gering bemittelte Ritter zu Straßenraub und Verbrechen, und auf der tagtäglichen Suche nach der nackten Existenzabsicherung setzen sie sich der Gefahr der Verurteilung durch den Galgen und Rad aus. Aus anderen Quellen geht hervor, dass die Adligen selbst ihr gewalttätiges Vorgehen eher als Kavaliersdelikte ansahen. Tatsächlich fällt die Beurteilung, ob es sich im jeweils konkreten Fall um einen Rechtsbruch handelt oder nicht, schwer, weil die Rechtskategorien des späten Mittelalters sich fundamental von denen der Neuzeit unterscheiden. Ein ganz wesentlicher Unterschied liegt darin, dass im modernen Staat das Gewaltmonopol des Staates völlig außer Frage steht, während es im Mittelalter die „rechte Gewalt der Einzelnen“ gibt. Eine solche Gesellschaft kann keine friedliche, bürgerliche, zivile Gesellschaft sein. Deshalb erscheint uns das Mittelalter auch als „archaische Welt“, als eine Welt der Recht- und Friedlosigkeit. Eine Annäherung an die Verhältnisse des Mittelalters wir jedoch nur gelingen, wenn man versucht, dem sich in den Quellen des Mittelalters spiegelnden Rechtsbewusstsein auf die Spur zu kommen. Natürlich müssen auch ökonomische und soziale Fragestellungen in den Blick genommen werden. Es scheint zwischen den angespannten sozialen Lage des niederen Adels und den krisenhaften Erscheinungen in der spätmittelalterlichen wirtschaft und Gesellschaft Zusammenhänge gegeben zu haben, die das Entstehen von „Raubrittertum“ und auch „Seeräuberei“ in größerem Umfang möglich gemacht haben, so dass sie als „Problem“ ernstgenommen werden mussten.

Aus „Die Vitalienbrüder“ Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit. Verlag Campus

Zeiten und Herrscher zu Zeiten Störtebekers

Donnerstag, 15. April 2010

1361

Dänenkönig Waldemar Atterdag IV. besetzt wiederrechtlich Gotland

1370

„Stralsunder Frieden“, räumt der Hanse ein Mitspracherecht der der Königswahl ein

1375

Waldemar stirbt und hinterlässt zwei Töchter mit zwei erbbrechtigten Enkeln:
Ingeborg, die ältere, Frau des Mecklenburger Herzogs Heinrich III. und Sohn Albrecht IV

Margarete, die jüngere, verheiratet mit dem norwegischen König und Sohn Olaf IV

1376

Die Hanse entscheidet sich für Olaf IV

1376/77

Albrecht II. von Mecklenburg, Großvater von Albrecht IV., ruft den Krieg gegen Dänemark aus, holt Seeräuber zu Hilfe, öffnet Häfen

1379

Albrecht II. von Mecklenburg stirbt

1380

Margarete übernimmt nach dem Tod von Mann und Sohn die Herrschaft über Norwegen und Dänemark

Erste Erwähnung eines Nicolao Störtebeker

In dieses Zeit immer wieder Ausrüstung der Friedensschiffe durch die Hanse

1388

Albrecht III. Herzog von Mecklenburg, Bruder von Heinrich, und König von Schweden, Krieg gegen Dänemark

1389

Albrecht der III. und Sohn Erich in dänischer Gefangenschaft Herzog Johann I. von Stargard übernimmt die Herrschaft über Schweden
Rostock und Wismar öffnen ihre Häfen für die Seeräuber

Winter 1393/1394

Großoffensive der Dänin gegen das mecklenburgisch-schwedische Stockhom, das die Vitalienbrüder retten

Ende 1394

Störtebeker und Goedeke werden erstmals als Hauptleute namentlich genannt

Bis 1395

Handel auf der Ostsee durch Seeräuberei fast lahmgelegt

Die Vitalienbrüder bauen Gotland zu Operationsbasis aus

26.9.1395

Friedensvertrag zwischen Dänemark und Mecklenburg: Freilassung  von König Albrecht und Sohn Erich

1397

Erich besetzt Goltand und Stirbt bald darauf – Gotland unter Sven Sture wieder Piratennest

Frühling 1398

Der Deutsche Orden vertreibt Piraten von Gotland

1398

Die einzelnen verbände der Vitalienbrüder verteilen sich auf Ostfriesland und unterstützen die Häuptlinge

1399

Strafexpedition deutscher Hansestädte gegen die Piraten in Ostfriesland

Goedeke flieht nach Norwegen, Störtebeker nach Holland

Herbst 1400

Störtebeker wird gefaßt und mit seinen Leuten hingerichtet

1401

Goedeke Michels und Wigbold werden gefangen und hingerichtet

1433 bis `35

Piraterie im Ost- und Nordseeraum mit großer Strafexpedition beendet

Puhle, Matthias: Die Vitalienbrüder: Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit. Campus Verlag. Frankfurt/Main, New York 1994

Erläuterungen zum Badehaus der „Alwine Röttelpötsch“

Donnerstag, 15. April 2010

Die Spaß- und Wellnessbäder des 20. und 21. Jahrhunderts sind Beispiele dafür, dass die körperliche Reinigung keineswegs Hauptzweck des Badens sein muss. Wir können dazu täglich die Wannen und Duschen in unseren Badezimmern benutzen. Solche Zimmer gehören in Mittel- und Nordeuropa erst seit dem 20. Jahrhundert zu jeder Wohnung. Nicht zuletzt die Vertreter der Hygienebewegung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts behaupteten deshalb, dass Mittel- und Nordeuropäer früher Wasser und Bäder gemieden bzw. letztere als Bordelle benutzt hätten. Auch in historischen Studien der letzten beiden Jahrzehnte tauchen immer wieder solche Klischees auf. Besonders häufig werden solche Urteile mit Illustrationen aus spätmittelalterlichen Handschriften unterstrichen. Allerdings erscheinen diese Bilddokumente meist ohne ihren unmittelbaren Kontext, der deutlich macht, dass der Künstler überhaupt nicht die Absicht hatte, das Bild eines tatsächlich existierenden Bads wiederzugeben.

Das öffentliche Bad als Bordell – diesen Eindruck vermittelt die Buchmalerei aus einer burgundischen Handschrift (1470) des antiken Schriftstellers Valerius Maximus, ein Bild, das der Realität nicht entsprach. Männer und Frauen badeten, anders als auch auf dem Holzschnitt zu sehen, zumindest in den öffentlichen Bädern nicht gemeinsam und zudem bekleidet. Männer bedeckten sich mit einer „Bruoch“, Unterhose, oder einem Lendentuch. Frauen trugen ein Badekleid, das – laut einigen Bad-Inventarlisten – die Bader zur Verfügung stellen mussten. Vielfach überliefert sind dagegen die Holzauflagen für die Zuber, die als Tabletts für Speisen und Getränke dienen konnten. Allerdings hielten diese Abdeckungen gleichzeitig das Wasser warm und dienten darüber hinaus als Unterlagen für die beliebten Würfelspiele. Zu den Dienstleistungen der öffentlichen Bäder gehörten ebenso das Scheren des Bartes, das Schneiden der Haare und das „Zwahen“, das Waschen der Haare. Letzteres konnte auch mit warmen Kräuterumschlägen um den Kopf kombiniert werden, um leichte Beschwerden wie Kopfschmerzen, Ohrensausen oder Konzentrationsschwierigkeiten zu behandeln. Auch die Körpermassage, das „Riben“, galt als gesundheitliche Prophylaxe.

Wasserbäder auch als Mittel kultischer Reinigung lassen sich über einen sehr langen Zeitraum verfolgen. Seit mindestens vier Jahrtausenden hinterlassen menschliche Kulturen entsprechende archäologisch nachweisbare Spuren. Heutige Zeremonien wie die Taufe enthalten noch Restelemente dieser Verwendung von Wasser.

Das Bad als Bestandteil von Festen mit rituellem Charakter war nicht auf einen engeren religiösen Kontext beschränkt. Das Baden gehörte ganz allgemein zur Fest- und Alltagskultur, das geht aus der zunehmend detaillierten Überlieferung städtischer Archive hervor. Einen rituellen Ursprung hatte auch das „Hochzeitsbaden“ in den städtischen Bädern: Der Bräutigam traf sich vor der Eheschließung mit Verwandten und Vertrauten zum festlichen Baden, Essen und Trinken. An manchen Orten feierte die Braut in derselben Weise, allerdings nur, wenn dies in getrennten Räumen möglich war.

Kleines Wortlexikon

Donnerstag, 15. April 2010

“Absolve te”
„Vergeben sei Dir!“

Achterdeck
(seemännisch von „after“) – das hintere Deck

Achterebbe
(seemännisch) – niedriger Wasserstand während der Gezeiten

Backbord
(seemännisch) – linke („back“) Schiffsseite, im Gegensatz zu
Steuerbord (rechts)

Bader
Wirt eines öffentlichen Badehauses, der auch rasiert und einfache chirurgische Operationen – wie Aderlass (sogen. „Schröpfen“) ausübte.

Bajuwarische Groschen, Gulden, Heller, Dinare
Münzen

“Benedicamus Domino. Requiescant in Pace” (lat.)
“Der Herr segne Euch und gebe Euch seinen Frieden.“

Brookmerland (fries. Bruch)
Im Mittelalter von der Herrscherfamilie tom Broke beherrschte ostfriesisches Landschaft. Galt als Land territorialer Selbstbehauptung der Friesen.

Deutscher Orden
Ende des 12. Jahrhunderts gegründeter religiös-weltliche Vereinigung.

“Devide et Impera” (lat.)
„Teile und herrsche“

Enterbeil, – Haken und (Anker-) Draggen
Mit ihnen wurden Schiffe herangezogen, um sie zu erstürmen.

Forestieren (lat.)
An einem Ritterturnier teilnehmen

Gotland
Insel vor der schwedischen Ostküste. Im Mittelalter Stützpunkt der Hanse, aber auch der Piraten.

Grossschäfer
Oberster Vermögensverwalter des Deutschen Ordens.

Heger
Beschützer

Inquisition
Päpstliche Untersuchungsbehörde mit gerichtlicher Vollmacht

Kapern
Eroberung von Handelsschiffen, meist durch Piraten

Kartaune
Mittelalterliches Geschütz

Likedeeler
Gleichteiler

Marienhafe
Kleiner Ort im nördlichen Niedersachsen, der im Mittelalter durch große Sturmfluten Meeranbindung (Wattenmeer, Leyebucht) bekam und eine wichtige Hafenstadt der Region wurde. Durch Eindeichung seit dem 18. Jahrhundert heute wieder im Landesinneren.

Vitalienbrüder, Vitalier
Piratengruppe, die im Auftrag der Hanse das belagerte Stockholm mit Lebensmitteln (Vitalien) versorgte.

Die Vertreibung der Vitalienbrüder aus der Ostsee

Donnerstag, 15. April 2010

Nach dem Friedensschluss von Skanör und Falsterbo 1395, der den Schlusspunkt unter den Krieg zwischen Dänemark und Mecklenburg setzte, lösten sich die Seeräuberhaufen nicht, wie im Vertrag gefordert, auf, sondern sammelten sich im Laufe des Jahres auf der Ostseeinsel Gotland. Gotland war auch nach dem Friedensschluss eine geteilte Insel. Die Mecklenburger hielten die Hauptstadt Visby, die Dänen die übrige Insel. 1397 bekam die mecklenburgische Seite durch eine militärische Aktion des Herzogs Erich gegen den dänischen Statthalter Sven Sture Gotland ganz in die Hand. Erich betrachtete Gotland ganz offensichtlich als Basis für die Rückgewinnung der Macht der Mecklenburger in Skandinavien. Kurze Zeit später starb der noch junge Herzog Erich. Nun entwickelte sich Gotland tatsächlich zu einer Seeräuberkolonie. Der heftig einsetzende Kaperkrieg der Vitalienbrüder gegen die Kaufleute in der Ostsee, unabhängig davon, woher sie stammten, brachte alle gegen die Seeräuberinsel auf: die Dänen, den Hochmeister des Deutschen Ordens und die Hanse. Das Haus Mecklenburg, unter dessen Herrschaft die Insel eigentlich stand, war hilflos. Besonders aufgerufen zum Handeln fühlte sich der Deutsche Orden, der als Ritterorden aus dem Kreuzzug Friedrich Barbarossas 1190 hervorgegangen war und in Preußen einen Ordensstaat gründen konnte. Im Winter 1397/98 zog der Hochmeister des Deutschen Ordens, Konrad von Jungingen, in aller Stille eine riesige Flotte zusammen: 4000 Mann in Rüstung und 400 Pferde auf 84 Schiffen. Am 17. März startete die Armada unter der Führung Johann Pfirts von Danzig aus. Die Aktion stand unter einem glücklichen Stern. In nur vier Tagen erreichte die Flotte Gotland.

Das Überraschungsmoment lag auf der Seite der Invasoren. Die Belagerung Visbys, das wegen seiner imposanten Stadtmauer an sich gut geschützt war, war nur von kurzer Dauer. Die Überlegenheit der Ordenstruppe war so groß, dass der Kampf für die Vitalienbrüder sinnlos schien. So kapitulierten sie und übergaben am 5. April 1398 dem Deutschen Orden die Insel.

Klaus Störtebeker und Goedeke Michels gehörten mit großer Wahrscheinlichkeit zu den Vitalienbrüdern auf Gotland. Einen sicheren Nachweis dafür gibt es allerdings nicht. Bis auf kleine Reste von Verbänden, die vor allem bei den Dänen Aufnahme fanden, wichen die Vitalienbrüder von der Ostsee in die Nordsee, wo sie von den friesischen Häuptlingen, die mit sich und ihren Nachbarn in ständiger Fehde lebten, mit offenen Armen empfangen wurden.

Zusammenfassung aus dem Buch „Die Vitalienbrüder, Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit“ von Dr. Matthias Puhle, Campus Verlag