Der historische Hintergrund für „Im Schatten des Todes“ 2017

By 28. Juni 2017Allgemein

„DIE VITALIENBRÜDER IN DER NORDSEE“

…Richten wir den Blick auf die übrig gebliebenen Vitalienbrüder, die nicht nach Norwegen geflohen waren. Ein weiterer Seeräuberhaufen, dem wahrscheinlich auch Klaus Störtebeker angehörte, war ja nach Holland geflohen und hatte beim dortigen Herzog Albrecht Aufnahme gefunden. Daneben gab es mindestens noch einen dritten nennenswerten Seeräuberhaufen, der allerdings nicht das Land verlassen, sondern von Graf Konrad von Oldenburg aufgenommen worden war. Am 11. November 1400 nahm Herzog Albrecht von Holland zum zweiten Mal Vitalienbrüder, dieses Mal ungefähr 150, die sich beim Grafen von Oldenburg aufgehalten hatten, in seinen Schutz, gab ihnen sicheres Geleit und erlaubte ihnen den Aufenthalt in seiner Stadt, um seine Feinde zu schädigen. Der Brief Albrechts von Holland ist nichts anderes als ein Kaperbrief, der belegt, dass die Vitalienbrüder in der konfliktträchtigen Zeit um 1400 im ostfriesischen und holländischen Gebiet kaum „arbeitslos“ werden konnten. Knapp 300 Vitalienbrüder hielten sich also nach der ostfriesischen Expedition der Hanse im Frühjahr 1400 beim Herzog von Holland auf, rund 200 waren nach Norwegen gegangen.

Für die Rekonstruktion der nun folgenden Ereignisse der Jahre 1400 und 1401, in denen für Goedeke Michels und Klaus Störtebeker das Ende kam, stellt sich der Mangel an chronikalischen Überlieferungen für Hamburg als fatal heraus. Ein ganz genaues Bild von der Abfolge der Ereignisse lässt sich daher leider nicht gewinnen. Die Unklarheiten beginnen schon bei der Datierung. Als Todesjahre der beiden berühmten Seeräuberhäuptlinge werden die Jahre 1400 bis 1403 angeboten. Die letzte Interpretation aus dem Jahre 1980 meint beweisen zu können, dass Störtebeker 1400 und Goedeke Michels 1401 hingerichtet wurden. Lange ist die Forschung auch davon ausgegangen, dass Störtebeker und Michels in einem Kampf gefangen und zusammen hingerichtet wurden, was aber inzwischen als widerlegt gelten kann. Auf jeden Fall ist das Ende der beiden Vitalienbrüder der Anfang einer bis in unsere Tage reichenden Legendenbildung gewesen, in der neben den beiden Seeräuberhauptleuten die Stadt Hamburg eine herausragende Rolle spielt, die ihr allerdings auch von der historischen Quellenlage her zukommt. Eine schlüssige und alle verfügbaren Schriftquellen einbeziehende Darstellung von den entscheidenden Kämpfen gegen Michels und Störtebeker hat Karl Koppmann in seinem Aufsatz gegeben, der hier mit Ausnahme eines wichtigen Punktes zu folgen sein wird. Noch einmal zurück zum Monat Juli im Jahr 1400. Nach dem Abschluss der hansischen Expedition war den Beteiligen bewusst, dass damit das Problem der Vitalienbrüder keinesfalls aus der Welt geschafft war. Insbesondere die Hamburger mussten weitere Störungen des Handels ihrer Englandfahrer befürchten und vor allem Anstoß daran nehmen, dass ausgerechnet der Herzog von Holland die Seeräuber unterstützte. Das gespannte Verhältnis, in dem die Hansestädte schon lange zu Holland gestanden hatten, war in Bezug auf Hamburg und Holland schon im Jahre 1400 in offenen Krieg übergegangen. Diesem Konflikt lag wiederum der enorme wirtschaftliche Aufschwung der holländischen Küstenstädte in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zugrunde, der sich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts noch fortsetzen sollte. Die Holländer machten sich in vielen handelspolitischen Fragen die Methoden der Hanse eigen, und es hatte bald den Anschein, als ob sie die Hanse mit deren eigenen Mitteln schlagen würde.

Irgendein Ereignis muss zumindest die Stadt Hamburg bewogen haben, in der zweiten Hälfte des Jahres 1400 doch noch eine Fahrt gegen die Vitalienbrüder auszurüsten und durchzuführen. Als Erklärung bietet sich der in diesen Monaten zu einem heftigen Konflikt entwickelnde Streit mit Holland an. Am 15. August 1400 urkundete ja Herzog Albrecht von Holland über die Aufnahme von 114 Vitalienbrüdern, unter ihnen „Johann“ Störtebeker, die von nun an auf seiner Seite gegen alle diejenigen kämpfen würden, mit denen er in Fehde lag. Hamburg befand sich sogar unter den namentlich genannten Feinden. Könnte dies darauf hinweisen, dass der Hamburger Zug gegen die Vitalienbrüder zwischen dem 15. August und dem 11. November 1400 stattgefunden hat? Achtzig Mann nahmen die Hamburger dabei gefangen, und ungefähr vierzig kamen in der Schlacht bei Helgoland ums Leben. Das entspricht fast genau der Anzahl von Vitalienbrüdern, mit denen sich Albrecht von Holland am 15. August verbündet hatte – was bedeuten würde, dass genau diese Mannschaft unter Führung Störtebekers wahrscheinlich in Absprache mit dem holländischen Herzog nach Helgoland gesegelt ist, um von dort aus die Englandroute der Hamburger zu bedrohen. Nach der schnellen Vernichtung der Vitalienbrüder in der Schlacht bei Helgoland sah sich Herzog Albrecht nach neuen Bundesgenossen unter den Vitalienbrüdern um. Goedeke Michels saß mit seinen Mannen aller Wahrscheinlichkeit nach noch immer in Norwegen, wo er wohl auch den Winter zubrachte, so dass er für holländische Zwecke nicht zu gewinnen war.

Dinge so zugetragen haben wie eben beschrieben, kommt dieser Interpretation doch eine gewisse Schlüssigkeit zu. Dann wäre die Wahl Helgolands als Ausgangspunkt für die Unternehmungen der Vitalienbrüder nicht in erster Linie ökonomisch begründet – von dort aus konnte reiche Beute gemacht werden – sondern als strategischer Schachzug des holländischen Herzogs im Krieg gegen Hamburg. Die Sage weiß zu berichten, dass die Schlacht bei Helgoland vor allem von Simon von Ütrecht und seinem Schiff „Bunte Kuh“ für die Hamburger gewonnen wurde. Sollte allerdings die Annahme richtig sein, dass die Schlacht bei Helgoland bereits im Jahr 1400 geschlagen wurde, dann konnte Simon von Ütrecht nicht an ihr beteiligt gewesen sein. Fassen wir zusammen, was wir geschichtlich von Klaus Störtebeker wissen, so war er ein Seeräuberhäuptling, wahrscheinlich aus Wismar gebürtig, der seit 1394 mit Goedeke Michels sein Unwesen trieb und insbesondere den Engländern schädlich war, bis er im Frühling des Jahres 1401 bei Helgoland von Hamburger Englandfahrern überwunden, mit seinen Genossen gefangen, nach Hamburg gebracht und dort auf dem Grasbrook hingerichtet wurde.

Auszüge aus dem Buch DIE VITALIENBRÜDER
Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit
Autor: Dr. Matthias Puhle
Verlag: CAMPUS

Das Buch ist im Theater erhältlich.

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