Seeräuberei und Raubrittertum

Die Schwierigkeit, das Problem der Seeräuberei in der Ostsee angemessen zu bewerten, erinnert an das sehr ähnliche Problem, das die Geschichtsschreibung immer schon mit dem Begriff „Raubrittertum“ hatte und hat. Allerdings gibt es zwischen diesen beiden Begriffen einen großen Unterschied. Während der Terminus „Seeräuber“ auch in den zeitgenössischen Quellen bereits benutzt wurde, kommt der Begriff „Raubritter“ in den Schriftquellen des Mittelalters nicht vor. Dennoch scheint es in der Sache um ähnliche Phänomene zu gehen. Die Verbindung des Seeräubertums in der Ostsee mit dem mecklenburgischen Adel ist viel zu offensichtlich, als dass man diese übersehen könnte. Als latrones oder raubheußer hat man die ritterlichen Straßenräuber in den zeitgenössischen Quellen immerhin auch bezeichnet, womit deutlich zum Ausdruck kommt, dass auch die Zeitgenossen das Treiben dieser Ritter als unrechtmäßige Räuberei betrachteten. Was veranlasste Teile des Adels im späten Mittelalter, dem gewerbsmäßigen Raub nachzugehen? Für die Seeräuber der Ostsee fehlen zuverlässige Aussagen fast ganz. Die wenigen Angaben stammen meist von späteren Chronisten, sind daher in einem gewissen zeitlichen Abstand geschrieben und eher als moralische Wertungen zu verstehen denn als analytische Beobachtungen. Selbstaussagen der beteiligten Adelsgeschlechter fehlen ganz. Aber für die Raubritter des Mittelalters gibt es eine ganze Reihe von zeitgenössischen Einschätzungen, die über Motive und Lage der infragekommenden Adelsgeschlechter Auskunft geben. In einer vom Kartäusermönch Werner Rolevinck aus Westfalen stammenden Schrift, die um 1478 erschien, wird deutlich, dass Teile des niederen Adels in einer fast verzweifelten materiellen Lage waren. Der Zustand einer infausta paupertas, einer unglücklichen Armut, sei für dies Adligen charakteristisch. Diese „unglückselige Armut“ treibt also viele gering bemittelte Ritter zu Straßenraub und Verbrechen, und auf der tagtäglichen Suche nach der nackten Existenzabsicherung setzen sie sich der Gefahr der Verurteilung durch den Galgen und Rad aus. Aus anderen Quellen geht hervor, dass die Adligen selbst ihr gewalttätiges Vorgehen eher als Kavaliersdelikte ansahen. Tatsächlich fällt die Beurteilung, ob es sich im jeweils konkreten Fall um einen Rechtsbruch handelt oder nicht, schwer, weil die Rechtskategorien des späten Mittelalters sich fundamental von denen der Neuzeit unterscheiden. Ein ganz wesentlicher Unterschied liegt darin, dass im modernen Staat das Gewaltmonopol des Staates völlig außer Frage steht, während es im Mittelalter die „rechte Gewalt der Einzelnen“ gibt. Eine solche Gesellschaft kann keine friedliche, bürgerliche, zivile Gesellschaft sein. Deshalb erscheint uns das Mittelalter auch als „archaische Welt“, als eine Welt der Recht- und Friedlosigkeit. Eine Annäherung an die Verhältnisse des Mittelalters wir jedoch nur gelingen, wenn man versucht, dem sich in den Quellen des Mittelalters spiegelnden Rechtsbewusstsein auf die Spur zu kommen. Natürlich müssen auch ökonomische und soziale Fragestellungen in den Blick genommen werden. Es scheint zwischen den angespannten sozialen Lage des niederen Adels und den krisenhaften Erscheinungen in der spätmittelalterlichen wirtschaft und Gesellschaft Zusammenhänge gegeben zu haben, die das Entstehen von „Raubrittertum“ und auch „Seeräuberei“ in größerem Umfang möglich gemacht haben, so dass sie als „Problem“ ernstgenommen werden mussten.

Aus „Die Vitalienbrüder“ Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit. Verlag Campus

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